20 Jahre TFI: Unser zweites Jahrzehnt

Waren die Jahre 1998 bis 2008 in der globalen Messewirtschaft von Aufbruch geprägt, gab es danach Einschläge. Das Umfeld ist von 2008 bis 2018 herausfordernder geworden.

Geburtstag 2017: Die schwedische Messegesellschaft Stockholmsmässan wird 75. (Photo: Stockholmsmässan)
Geburtstag 2017: Die schwedische Messegesellschaft Stockholmsmässan wird 75. (Photo: Stockholmsmässan)

Als wir im Frühsommer 2008 das zehnjährige Jubiläum von Trade Fairs International feierten, stand die Welt am Vorabend einer Zeitenwende. Wenige Monate später geschah ein einschneidendes Ereignis: Mitte September ging die US-Bank Lehman Brothers pleite und damit war die Finanzkrise auch im Bewusstsein der internationalen Öffentlichkeit angekommen. Die globale Wirtschaft stand am Abgrund und Monate später crashten die Börsen. Das Jahr 2009 sollte für ausstellende Unternehmen und die Messeveranstalter zu einer ganz großen Herausforderung werden. Heute wissen wir, dass die Krise zunächst gemeistert wurde, obwohl die Menschheit offenbar nicht schlauer geworden ist. Nach wie vor zahlen Banken ihre Milliardenboni – in Geschäftsbereichen, die nicht profitabel sind. Schlechte Ergebnisse werden also weiter belohnt. Der nächste Absturz dürfte da nur eine Frage der Zeit sein.

Bezeichnenderweise fand das UFI-Sommerseminar im Juni 2008 im griechischen Thessaloniki statt. Dass es die Fluggesellschaft Olympic nicht schaffte, alle Teilnehmer ans Ziel zu bringen, war im Nachhinein ein Signal – die Vorboten der Eurokrise kündigten sich an. Denn kurz darauf funkte nicht nur die heruntergewirtschaftete griechische Airline SOS, sondern gleich der ganze Staat: Die Ausgaben waren dank der günstigen Finanzierungsmöglichkeiten durch die EU-Mitgliedschaft über viele Jahre hinweg höher als die Einnahmen. Griechenland ist sicherlich das extremste Beispiel eines öffentlichen Gemeinwesens, das weit über seine Verhältnisse gelebt hatte. Andere Länder gerieten ebenso in den Abwärtsstrudel – wie Spanien, dessen Messewirtschaft im Sog der Euro-Krise in Mittleidenschaft gezogen wurde. Spanische Veranstaltungen brachen ein, viele Messen konnten zeitweise nur mit kräftigen Preisnachlässen für die ausstellende Wirtschaft überleben.

Barack Obama und Angela Merkel auf der Hannover Messe 2016. (Photo: Deutsche Messe)
Barack Obama und Angela Merkel auf der Hannover Messe 2016. (Photo: Deutsche Messe)

Und als ob es zu dieser Zeit nicht schon genug wirtschaftliche Krisen gegeben hatte, schlug auch noch die Natur zu. Seit April 2010 kennt fast jedes Kind den damals ausgebrochenen isländischen Vulkan. Nur mit der Aussprache des Namens hapert es bei fast allen: Eyjafjallajökull, der ganz nebenbei das kleine Land erst so richtig auf die touristische Weltkarte brachte. In Folge der Aschewolken wurde der Luftverkehr in weiten Teilen Nord- und Mitteleuropas eingestellt. Wichtige Messeveranstaltungen waren betroffen, darunter die Hannover Messe und die Frankfurter Light + Building. Messebesucher konnten nicht anreisen oder nach Hause fliegen. Die meisten nahmen die Geschichte mit Humor, einige fuhren sogar mit dem Taxi zurück in ihr Heimatland – die so gerne beschworenen messeinduzierten Umsätze im Personentransportgewerbe sprießten.

Europas Staaten beschäftigten sich im letzten Jahrzehnt vor allem mit sich selbst – was 2016 im Brexit-Votum gipfelte. Weniger Bedenkenträger leben anderswo, die Märkte in Asien sind stark gewachsen. Der Kontinent ist mittlerweile der Tempomacher im internationalen Messegeschäft. Hier gab es nicht nur die Eröffnung vieler Messezentren oder Erweiterungen, sondern auch zahlreiche Messepremieren. Das geht mit zweistelligen Wachstumsraten von Branchenmessen einher. An erster Stelle steht hier China, aber auch Südostasien zeigt sich äußerst dynamisch. Selbst in Indien, das gemessen an der Einwohnerzahl bei der Messeinfrastruktur deutlich hinterherhinkt, ist etwas im Fluss. Ohnehin wächst dort die Wirtschaft seit einigen Jahren sehr rasant. Für die florierende Entwicklung in der Region gibt es einen weiteren Indikator: Nach dem global ausgerichteten Kongress der UFI hat sich die Asien-Pazifik-Konferenz mittlerweile zur zweitgrößten Veranstaltung des internationalen Messeverbandes entwickelt. 

Geburtstag 2017: Die Beautymesse Cosmoprof in Bologna feiert den 50sten. (Photo: BolognaFiere)
Geburtstag 2017: Die Beautymesse Cosmoprof in Bologna feiert den 50sten. (Photo: BolognaFiere)

In den letzten Jahren, aktuell und in Zukunft waren und sind Nachhaltigkeit, Sicherheit und Digitalisierung die drei Hauptthemen der Branche. Betonten noch vor kurzem nahezu alle Geländebetreiber und Veranstalter ihren grünen Anspruch, lautet derzeit das meist gebrauchte Schlagwort „digital“. Das ist vor allem mit Investitionen verbunden und mit der Ungewissheit, ob die Geschäftsmodelle tatsächlich tragen. Weil Zielgruppen digitale Dienstleistungen erwarten, erscheint Handeln unverzichtbar. Und: Veranstaltungen haben sich immer wieder neu zu erfinden, wenn sie in Zukunft unter veränderten Bedingungen ihren Bestand sichern möchten. 

Beim Bewältigen des Wandels sind die sogenannten internationalen „Leitmessen“ im Vorteil. Sie bleiben Pflichttermin, während es B- oder C-Ereignisse schwerer haben. Das hat mit der Internationalität der Besucher zu tun, mit Gewohnheit, aber außerdem mit einem ganz anderen Phänomen. Führende Veranstaltungen finden beispielsweise in Europa bis auf Ausnahmen meist in den einwohnerstärksten Ländern statt. Sicherlich hängt das mit der Nachfrage zusammen und im Falle von Deutschland – angesichts von neun Nachbarländern – auch mit der schnellen Erreichbarkeit. Nicht zuletzt spielt die Tatsache eine Rolle, dass Marketingbudgets international agierender Unternehmen immer mehr auf große Länder konzentriert werden. Kleinere Staaten und dort abgehaltene Messen haben zumindest in Europa immer öfter das Nachsehen – von der Globalisierung profitieren nicht alle Messeländer in gleicher Weise.

Autor: Peter Borstel

Dieser Artikel ist erschienen in TFI Heft 2/2018

Im Zeitraffer

2008
Vereinigt: Die französischen Veranstalter Comexpo und Exposium schließen sich zu Comexposium zusammen.
Investment: Für die neuen Hallen 14 und 15 hat BolognaFiere rund 170 Millionen Euro aufgewendet; und auch bei Palexpo in Genf werden ab Ende 2008 bis 2013 über 100 Millionen Franken investiert.

2009
Jubiläum: Die führende russische Messegesellschaft Expocentre wird 50. 
Shoppingtour: Die NürnbergMesse kauft ein brasilianisches Messeunternehmen und wird einer der größten ausländischen Veranstalter in Brasilien.

2010
Ikone: Das Marina Bay Sands in Singapur nimmt den Betrieb auf.
Vollausbau: Das Shanghaier SNIEC verfügt nun über 200.000 Quadratmeter Hallenfläche.

2011
Größer: Der zweite Abschnitt des Kintex verdoppelt die Hallenfläche des größten koreanischen Messezentrums auf 108.000 Quadratmeter.
Wechsel: Die Tokyo Motor Show zieht von der Makuhari Messe ins Tokyo Big Sight um.

2012
Baubeginn: In Frankfurt entsteht an der Messe das Kongresshaus Kap Europa.
Ersatz: Die Berliner beginnen mit der Errichtung des CityCube, der ab 2014 anstelle des ICC für Tagungen genutzt wird.

2013
Zeitgerecht: Die neue Messe Basel wird rechtzeitig zur Uhrenmesse Baselworld eröffnet.
Pionier: Seit nunmehr einem halben Jahrhundert ist die Messe Düsseldorf in Russland aktiv.

2014
Aufgeteilt: Das Hong Kong Trade Development Council veranstaltet seine Schmuckmesse(n) im März erstmals auf zwei Geländen: dem HKCEC und der AsiaWorld-Expo.
Neu: In St. Petersburg öffnet das Messezentrum ExpoForum. 

2015
Traditionsreich: Die Leipziger Messe feiert 850-jähriges Bestehen.
Sanktioniert: Gegenseitige Handelsbeschränkungen zwischen der EU und Russland haben zu rückläufigen Beteiligungen aus Westeuropa an russischen Messen geführt.

2016
Staatsgast: US-Präsident Barack Obama besucht die Hannover Messe.
Netzwerkaktion: Initiiert von der UFI geht der erste Global Exhibitions Day über die Bühne.

2017
Ausgebaut: Das BIEC in Bangalore hat nun 60.000 Quadratmeter Hallenfläche.
Geburtstage: Stockholmsmässan feiert 75-jähriges Jubiläum, Targi Kielce das 25-jährige und die Messe Frankfurt wird 777 Jahre alt.

 
 

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