Russland: Messen bauen eine Brücke

In Zeiten der verbalen Konfrontation gilt es, den Dialog und Kontakte aufrechtzuerhalten. Messen spielen da eine wichtige Rolle, wie Blick in die Moskauer Expocentre-Hallen zeigt.

Ab nächstem Jahr wird die Baumesse MosBuild nur noch in den Hallen von Expocentre ausgetragen. (Photo: ITE)
Ab nächstem Jahr wird die Baumesse MosBuild nur noch in den Hallen von Expocentre ausgetragen. (Photo: ITE)

Das Jahr 2014 ist von einer Eiszeit zwischen dem sogenannten westlichen Lager einerseits und Russland auf der anderen Seite geprägt. Ein solches Klima einschließlich der Sanktionen und dem schwachen Rubel schafft nicht unbedingt das Umfeld, in dem Messeveranstaltungen florieren. Und doch kommt den Messen in der gegenwärtigen Situation eine wichtige Rolle zu: „Gerade angesichts der derzeitigen schwierigen politischen Rahmenbedingungen ist eine internationale Businessplattform wichtiger denn je“, hatte Erhard Wienkamp, Bereichsleiter Auslandsmessen bei der Messe Düsseldorf, schon im Frühjahr vor der Öl- und Gastechnologieschau Neftegaz betont. Die Düsseldorfer kennen sich mit dem Auf und Ab in den politischen Beziehungen bestens aus. Schließlich wurden sie schon 1963 in Russland aktiv – in einer Zeit, als der Kalte Krieg die Ost-West-Beziehungen prägte. Seitdem waren diverse diplomatische und ökonomische Krisen zu überstehen. Sie haben der Partnerschaft zwischen der Messe Düsseldorf und der Moskauer Messegesellschaft Expocentre nichts anhaben können (www.messe-duesseldorf.de).

Es gibt auch aktuell immer noch positive Meldungen, die das Messegeschäft betreffen. So wurde der Plan des russischen Industrie- und Handelsministeriums erst einmal gestoppt, die Einfuhr hochentwickelter medizinischer Güter zu verhindern. Das vermeldet Expocentre mit Verweis auf eine russische Zeitung. Ursprünglich sollte nicht in Russland, Belarus oder Kasachstan hergestelltes Equipment mit einem totalen Importverbot belegt werden. Durch die jüngst getroffene Entscheidung können ausländische Anbieter unter bestimmten Voraussetzungen nunmehr weiterhin an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen. Das soll den Wettbewerb und die Innovationen auf diesem Feld fördern. Es hilft zudem den Ausstellern der anstehenden Gesundheits- und Medizintechnikmesse Zdravookhraneniye, dürfen sie doch bei ihrer Beteiligung auf Geschäfte hoffen. Die 24. Ausgabe der Zdravookhraneniye geht vom 8. bis 12. Dezember in Moskau im Expocentre über die Bühne (www.expocentr.ru).

Betroffen von der angespannten Lage und den Wirtschaftssanktionen war auch die Collection Première Moscow (CPM). Die CPM fand gerade erst Anfang September im Expocentre statt. Einerseits mussten die Veranstalter von der Düsseldorfer Messetochter Igedo bei der Flächenbelegung einen Rückgang von 15 Prozent hinnehmen. „Damit sind wir angesichts der schwierigen Begleitumstände dennoch zufrieden“, sagt CPM-Projektleiter Christian Kasch. Auch er hebt die gegenwärtige Bedeutung von Messen für den Dialog hervor. Gleichzeitig verweist er auf einen anderen Effekt. So wurde die nationale Nachfrage auf der Messe eher gestärkt. „Aufgrund der Visabestimmungen hatten viele russische Einkäufer keine Möglichkeit nach Europa zu reisen“, so Kasch. Stattdessen besuchten viele dieser Geschäftsleute die Collection Première Moscow (www.igedo.com).

Viele russische Geschäftsleute besuchten die Collection Première Moscow. (Photo: Igedo)
Viele russische Geschäftsleute besuchten die Collection Première Moscow. (Photo: Igedo)

Die gegenseitigen Sanktionen haben mittlerweile auch zu einer kleineren Verschiebung der globalen Handelsströme geführt. Weil Lebensmittel aus der EU in Russland einem Einfuhrverbot unterliegen, versuchen Anbieter aus anderen Nationen in die Lücke zu springen. In einigen südamerikanischen Ländern werden die neuen europäischen Handelsschranken als eine Art Konjunkturprogramm empfunden. Diese Entwicklung zeigt schon jetzt erste Auswirkungen auf die Messelandschaft. Auf der gerade beendeten Lebensmittelmesse World Food Moscow beobachteten die Verantwortlichen eine spürbare Zunahme verschiedener nationaler Gemeinschaftsstände: Bei der im Expocentre durchgeführten Gastveranstaltung hatten neben Argentinien und Brasilien auch Ägypten und China ihre Ausstellungsfläche erweitert. „Durch die veränderte Einfuhrsituation verzeichneten wir verstärktes Interesse und einen Zustrom an Last-Minute-Buchungen aus nicht EU-Staaten“, berichtet Tony Higginson. „Gleichzeitig haben die meisten Firmen aus der Europäischen Union weiterhin ausgestellt“, erzählt der Verkaufsdirektor der World Food Moscow. „Sie wollten damit ihre Präsenz im Markt und die bestehenden Kontakte erhalten.“   

 
 
 
 

Ob die beschrieben Entwicklungen nur temporäre oder anhaltende Erscheinungen sind, wird wohl erst das kommende Jahr zeigen. Dann stehen viele bedeutende Veranstaltungen an. Ein Indikator dürfte die Baumesse MosBuild sein. Wie die World Food Moscow wird sie von der britischen ITE-Gruppe veranstaltet, deren deutsche Tochter die Hamburger GiMA ist (www.gima.de). 2013 und 2014, war die Messe in drei Hauptbereiche unterteilt und fand teils zeitversetzt auf zwei verschiedenen Messegeländen statt: „Building & Interiors“ (im Expocentre) und „Fenestration“ (im VVC) in der ersten Veranstaltungswoche und „Cersanex“ (Expocentre) in der zweiten Woche. 2015 kehrt die MosBuild zu einem Format zurück, das schon einmal im Jahr 2012 durchgeführt worden war. Dann besteht sie wieder lediglich aus zwei Bereichen: „Design & Décor“ vom 31. März bis 3. April und „Building & Architecture“ vom 14. bis 17. April. Beide Ereignisse werden dann nur noch im Expocentre ausgetragen (www.ite-exhibitions.com). Auch im Veranstaltungsgeschehen müsste eine Modernisierung in Gang gesetzt werden. Es braucht eine Art staatlichen Masterplan für die russische Messe- und Kongresswirtschaft – um etwa wie in China neue Marktplätze für Aussteller zu entwickeln und damit eine Dynamik in der Wirtschaft zu entfachen. „Bis auf wenige Veranstaltungszentren wie Expocentre und Crocus Expo in Moskau und der Messe in Jekaterinburg fehlen qualitativ hochwertige Gelände“, weiß Jochen Witt. „Demnächst kommt noch das ExpoForum in St. Petersburg als topmoderne Veranstaltungsstätte hinzu.“ Das neue Messe- und Kongresszentrum bringt die Stadt an der Newa ein Stück voran. Dennoch werden die Karten in Russlands Veranstaltungsszene nicht komplett neu gemischt. „St. Petersburg wird mit dem Neubau seinen Platz als russische Nummer zwei weiter festigen“, argumentiert Witt. „Die meisten führenden internationalen Messen werden jedoch weiter in Moskau stattfinden“, prognostiziert der Veranstaltungsexperte, der vor einigen Jahren selbst als UFI-Präsident fungiert hat. „Das liegt an der zentralistischen Struktur Russlands, die sich auch auf die Wirtschaft und damit auf die Messen auswirkt.“

 
 

Autor: Peter Borstel

Dieser Artikel ist erschienen in TFI Heft 5/2014

 
 

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